Was war passiert?
Von Mythos 5 bis GPT-5.6: Die Welle der Sperrungen
Im Fokus der aktuellen US-Maßnahmen standen zunächst die Modelle aus dem Haus Anthropic – hier drehte es sich um „Mythos 5″ und „Fable 5″. Kurze Zeit später hat es denn erwartungsgemäß auch das neuste Pferd im Stall bei OpenAI erwischt mit seinen Modellen der GPT-5.6-Reihe. Diese KI-Systeme sind mittlerweile sehr hoch entwickelt, was sie in die Lage versetzt, selbstständig Schwachstellen in dem Code vorhandener Software zu finden und daraus Exploits zu erzeugen, mit welchen ein Eindringen in diese Systeme gelingt.
Während OpenAI die Herausgabe an wenige „vertrauenswürdige“ Gruppen und Partner innerhalb der USA noch erlaubt ist zur Zeit, musste Anthropic nach einer entsprechenden Anweisung aus Washington die Modelle zeitweise komplett sperren.
Auf welcher Basis?
Exportkontrollrecht: Wenn Software zum kritischen Gut wird
Es handelt sich erst einmal nur um eine Maßnahme, die unter das Exportkontrollrecht fällt. Das macht so ziemlich jedes produzierende Land, sofern dies kritische Güter herstellt. Klassisch wäre Rheinmetall, die nicht nur im Auftrag fertigen, sondern auch auf eigene Rechnung Panzer entwickeln und vermarkten.
Aber auch China zum Beispiel verschärfte seine Export-Kontroll-Regeln: Hier gibt es seltene Erden und vor allem die Patente zu deren Weiterverarbeitung. So sind derlei Maschinen und technische Anlagen weltweit heiß begehrt und nicht zu kopieren – womit China selbstverständlich ein Interesse daran hat, diese nicht weltweit ohne Weiteres verfügbar zu machen. Anders herum ist China wenig gewillt, geltende Schutzwirkungen auf geistiges Eigentum anderer Staaten anzuerkennen und kopiert, was das Zeugs hält.
Das ist in den USA jedoch nichts anderes: Die Geheimdienste haben klipp und klar den Auftrag zum Eindringen in die IT-Systeme interessanter Hersteller mit dem Zweck der Wirtschaftsspionage und einhergehend dem Diebstahl geistigen Eigentums.
Man könnte meinen, „wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“ träfe hier zu. Doch ganz so einfach ist es nicht:
Kein Land würde nun ganz nüchtern betrachtet ein Produkt im eigenen Land herstellen und frei in die Welt verteilen lassen, mit dem sich das eigene Land komplett untergraben ließe. Die Modelle stellen in der Tat ein schwerwiegendes Problem für die Cybersicherheit eines jeden Landes dar, auch für die USA.
Bereits im Vorfeld äußerte Anthropic, vermutlich nicht ohne Marketing-Hintergedanken, dass das neue Mythos erheblich mächtiger sei als angenommen und zu sehr vielen Dingen fähig wäre, die man so gar nicht beabsichtigt hatte oder hätte vorher sehen können.
Das lässt natürlich auch jemanden aufhorchen, der morgen für morgen seine Fans über seine eigene Social-Media-Plattform mit den neusten Gerüchten, Fake News und Selbst-Verherrlichungen versorgt. Ganz dämlich ist der aktuelle US-Präsident ja nun auch nicht und durchaus in der Lage, die Funktionsweise derartiger Systeme auch ohne fachkundige Berater zu verstehen.
Wer ein wenig am Ball bleiben wollte rund um Anthropic’s Mythos, hat sich einfach der Bild-Zeitung des Netzes bedient: YouTube. Da versuchten sich wie gewohnt die Pseudo-Intellektuellen mit den Hobby-IT’lern zu überwerfen und die KI-Gourmets kamen natürlich auch zu Wort.
Nicht, dass man sich im White House nun unbedingt dieser Quelle hätte bedienen müssen, stand man doch bereits seit längerem mit Anthropic in Kontakt und im Clinch gleichermaßen:
Nur zu gerne würden Geheimdienste und Militär diese leistungsfähigen Modelle für ihre eigenen Zwecke einsetzen, was Anthropic bisher strikt abgelehnt hat. Ob aus moralischen Gründen oder ob dies schlichtweg als schlechtes Marketing betrachtet wurde, sei einmal dahin gestellt. Offizielle Statements dazu dürfen mit einer gewissen Skepsis und Zurückhaltung betrachtet werden.
Der Konflikt im White House
Der Brief des Handelsministers: Ein Zugeständnis unter Druck?
Nach und nach erlaubte nun die US-Regierung jedoch die Weitergabe des Modells an Partner sowie ein schrittweises Öffnen der Funktionalitäten in diesem Zusammenhang. Die offene Frage hier bleibt indes, zu welchen Zugeständnissen Anthropic dabei genötigt wurde. Zumindest darf diese Frage angebracht sein – rein aus Nächstenliebe wird das nicht passiert sein. Per Brief (!) erlaubte nun der Handelsminister der USA Anthropic, das Modell Mythos wieder freizuschalten. Fable hingegen bleibt gesperrt.
So folgte denn, was folgen musste: Die Einschränkung von OpenAI’s GPT-5.6 wurde seitens OpenAI gleich an die Öffentlichkeit kommuniziert, dass man mit der US-Regierung daran arbeite und dass kurzfristig Lösungen verfügbar sein werden, um die Modelle breiter verfügbar machen zu können. Dies ist zumindest bemerkenswert, wissen also die Schöpfer dieser Modelle sehr genau anhand vorangegangener Beispiele, wie sie selbst zu agieren haben.
Die globale Dynamik
Hybrider Krieg: Wenn KI die Kriegsführung automatisiert
Das ist kein US-Phänomen; China hat, wen wundert es, die einzig nennenswerten Modelle, die überhaupt als Konkurrenz gesehen werden könnten. Aber in China sind diese Modelle nicht auf dem Level wie nun in den USA – noch nicht, denn China holt rasant auf.
Kürzlich rühmte sich der US-Präsident nun damit, dass KI im Krieg gegen den Iran erfolgreich eingesetzt wurde. Ob dies so stimmt oder es sich wieder einmal nur um eine Ego-Masche handelte, ist nicht überprüfbar. Klar ist jedoch: Wenn China so weit ist, wird die dortige Führung kaum damit Reklame laufen, ganz im Gegenteil.
Die Bedeutung von Cyberkrieg als Bestandteil eines hybriden Krieges ist nicht neu. Neu ist lediglich, dass KI-Modelle mittlerweile eine Reife erreicht haben, wo sich derlei Teilbereiche der Kriegsführung nahezu verselbstständigen oder zumindest mit einer derartigen Leistungsfähigkeit ausgerüstet sind, dass die eigene Regierung erst einmal zusammenzuckt und kurz innehalten muss, wie sie damit nun umgehen wollen.
Das große Risiko
Die US-Strategie: Daten sammeln für den Quanten-Knack
Freilich werden wir wohl nie die ganze Leistungsfähigkeit dieser Modelle selbst in den Fingern haben – da diese schlichtweg zensiert an die Öffentlichkeit gelangen dürften. Der also viel gepriesenen Freiheit von BigTech werden in einer ziemlich regulierungsfreien USA der Gegenwart doch Grenzen aufgezeigt. Zwar aus völlig anderen, als in der EU vorgesehen – denn, dass diese Modelle diesen Reifegrad erreicht haben, hat in der EU-Kommission so vermutlich noch niemand wirklich verstanden.
In der Kombination mit beinahe unerschöpflichen Speicherkapazitäten ergeben sich nun für die USA selbstverständlich gesteigerte Möglichkeiten der Datenbeschaffung und -Lagerung zum Knacken in der Zukunft, wenn die Quantencomputer so weit sind, wie in wenigen Jahren anzunehmen. Diese Modelle werden nicht von der US-Regierung ohne Gegenleistung freigegeben worden sein.
Der Kill-Switch
Diese Entwicklung zeigt nicht einfach nur, dass die USA ihre eigenen Modelle kontrollieren – sondern legt die dahinter stehende Grundlogik blank auf den Präsentierteller:
Wenn ein Unternehmen wie Anthropic oder OpenAI, beide milliardenschwer und mit einer gewissen lobby unterwegs, durch einfache Anweisungen oder Briefe gesperrt und wieder frei gegeben werden können ist dies gleichen Atemzug möglich:
- Unliebsame Personen, Länder und Organisationen lassen sich von den US Diensten ebenso abklemmen – Dienste, von denen fast alle EU Firmen abhängen.
- Dazu benötigt es eben nicht mal ein Dekret – eine Überlegung auf Truth Social dazu dürfte ausreichend sein
Das ist keine Fiktion, keine Panikmache – das ist das hier und jetzt, wie wir gerade beobachten konnten. Eine Warnung davor kann man nun kaum noch überhören. Es geht nicht einfach nur um technische Schwachstellen; es dreht sich ganz banal um die politische Verletzbarkeit der weltweiten Vernetzung, welche von den USA dominiert wird.
Fazit: Was bedeutet das nun für uns?
Keine Garantie durch geschlossene Router: Warum lokale Infrastruktur zählt
Was aber bedeutet das nun für uns Otto-normal-sterbliche: Im Zusammenhang mit unseren Zugangspunkten wie zum Beispiel einer Fritzbox ist die lokale Netzwerk-Struktur und Sicherheit immer mehr gefragt. Selbst wenn an der Fritzbox (oder anderen Geräten, die den Zugang zum Internet herstellen) kein einziger Port geöffnet ist, ist keineswegs ein Einbruch ausgeschlossen.
Zwar werden eingehende Anfragen blockiert, aber ausgehende Verbindungen können ebenso einen schädlichen Server erreichen – durch eingeschlichene Malware zum Beispiel. Auch können schlecht oder zu schwach konfigurierte lokale Dienste im LAN – wie zum Beispiel der NAS-Server einer Festplatten-Box – ein Einfallstor darstellen. Geschlossene Router (und das sollte jeder einmal kritisch prüfen!) sind zwar eine wichtige Sicherheitsschicht – aber eben überhaupt kein Garant für Sicherheit.
Ausblick
Paranoia ist keine Option, aber eine Risikobewertung ist unumgänglich
Tatsächlich bewegt sich die USA mit ihrer paranoiden Nationalen Sicherheit seit Jahren im Modus des allumfänglichen Datensammelns – dies wird mit diesen Modellen weiter vereinfacht und automatisiert. Im gleichen Atemzug werden aber auch mit diesen Modellen Schwachstellen in der US-Infrastruktur aufgefunden, die dann nach und nach weiter gehärtet werden dürften. Der Wunsch nach einer solchen Härtung an sich ist nicht verwerflich; aber eine Total-Überwachung ist kein rein chinesisches Phänomen.
Es ist also nach wie vor an jedem einzelnen, wie dicht dieser seine Infrastruktur einrichtet. In den letzten Beiträgen habe ich dazu unter anderem eine Pi-hole-Instanz mit Unbound als DNS-Resolver genannt – mittlerweile läuft hier auf einem weiteren Raspberry ein komplettes IDS – ein Intrusion Detection System zur Ergänzung.
Paranoia? Und ob ich die habe – die war aber bereits zu DOS-Zeiten sehr ausgeprägt und führte dazu, dass ich mich noch nie mit Viren, Würmern, Trojanern oder Malware konfrontiert sah. Damit das auch so bleibt, stecke ich die Arbeit in die lokale Netzwerksicherheit. Und teile hier die Erfolge bzw. Anregungen dazu mit euch.
In diesem Sinne: Am Ball bleiben lohnt sich!
Thinkin‘ bout








